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| Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS): Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Eltern und Lehrer
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Vielversprechende Ankündigung, aber viele fragwürdige Inhalte
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS): Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Eltern und Lehrer (Broschiert) Entschuldigt meine lange Rezension, doch wenn man von der Meinung der Mehrheit abweicht, muss man das gut begründen. ;-)
Im vorliegenden Buch von Vera Bernard-Opitz fehlt ein ganz wesentlicher Teil des Autismus, der für einen Kenner der Thematik offensichtlich ist: Die Innenansicht von Autisten, die sich oft grundlegend von der Außenansicht unterscheidet. Autistische Kinder werden in diesem Buch jedoch nur äußerlich-funktional betrachtet und zumeist mit einer Reihe von Abweichungen beschrieben, mit der Schlussfolgerung, dass möglichst rasch eine Anpassung an normale Kinder durchgeführt werden müsse. Durch wiederholte Formulierungen wie "normale, gesunde Kinder" und "autistische, kranke Kinder" wird zudem eine Pathologisierung offensichtlich, die, so steht es an anderer Stelle im Text zu lesen, ja gerade vermieden werden soll. (Autismus ist eine Behinderung, keine Krankheit. Fachleute sollten den Unterschied eigentlich kennen).
Im Verlauf des Textes tauchen weitere Widerspüche auf, die den Inhalt zunehmend inkonsistent und damit unglaubwürdig erscheinen lassen. Es entsteht der Eindruck, als hätten zwei verschiedene Autoren mit gegensätzlichen Meinungen bezüglich dessen, was Autismus ist und was nicht, an diesem Buch geschrieben. Während sich die ersten ca. 60 Seiten zunächst verheißungsvoll präsentieren und moderne Sichtweisen offenbaren, geht es danach ca. 190 Seiten lang um eine Ansammlung bekannter Methoden, die nicht wirklich innovativ sind, und sogar wichtige Eigenschaften autistischer Kinder außen vor lassen, womöglich weil sie nicht in die Durchführung der beschriebenen Therapie passen (z.B. mögl. auditive und taktile Sensibilität werden ignoriert - ein Autismus-unerfahrener Therapeut dürfte sein blaues Wunder erleben, wenn er sich an die Beschreibungen hält!). Dazwischen finden sich dann immer wieder kleinere Textabschnitte, die sich ähnlich vielversprechend lesen wie der Anfang des Buches.
Die Autorin geht auch nicht darauf ein, dass ein autistisches Kind den anderen Kindern selbst dann noch als andersartig auffällt, wenn sein Verhalten nur minimal und kaum wahrnehmbar vom Verhalten anderer Kinder abweicht. Es wird dann sehr schnell ausgegrenzt und infolgedessen oft sogar gemobbt. Ein Blickkontakt oder das richtige Wort zur rechten Zeit genügen eben nicht, um als normal zu gelten, denn menschliches Sozialverhalten ist weit mehr und sehr viel subtiler als jemanden anzusehen oder Danke zu sagen. Auch dieser Aspekt wird zu stark vereinfacht dargestellt, genauso wie die Realität. Da heißt es nämlich ununterbrochen höllisch aufzupassen und nicht nur 30 Minuten lang in einem geschützten Rahmen, bevor man den Verstärker bekommt und spielen gehen darf (für sich alleine zwecks erforderlicher Pause). Erwachsene Autisten wie ich, vor allem jene mit guten Anpassungsstrategien, können davon ein Lied singen.
Am Ende, nachdem mehrfach von kurzfristigen Erfolgen zu lesen war, hätte mich noch interessiert, welche autistischen Menschen nach Meinung der Autorin mittel- bis langfristig die besseren Zukunftsperspektiven haben und sich weiter und eigenständiger entwickeln können: Jene, die aus der sog. professionellen Distanz heraus mittels der beschriebenen Therapien möglichst schnell (oberflächlich-funktional) an die Entwicklungsschritte "normaler, gesunder Kinder" angepasst werden, oder jene, die mit menschlicher Zuwendung, Liebe und Verständnis (ganzheitlich, also auch zeitlich, räumlich, psychisch und emotional) ihrem individuellen Potential und Entwicklungstempo gemäß gefördert werden? (Die Frage ist rhetorisch, die Antwort kenne ich bereits aus einer Umfrage).
Ich kaufte mir dieses Buch, weil es mir nach mehr als einem Dutzend Fachbüchern, Autobiografien, etc. zum Thema Autismus aus zwei Gründen vielversprechend erschien: Erstens suggerierte der Kaufpreis, dass es sich um ein fundiertes Fachbuch mit neusten Erkenntnissen handelte und zweitens wurde der Inhalt von einem Autismus-Experten, dessen Klinikabteilung ich kenne und schätze, als "Standardwerk" bezeichnet. Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, frage ich mich allerdings, ob damit eine positive oder negative Beispielhaftigkeit gemeint war?! Das lässt der Kommentar von Prof. Dr. Poustka nämlich offen.
Mein Alternativ-Tipp, wenn es darum geht, die autistische Wahrnehmung und die daraus resultierenden Verhaltensweisen zu verstehen, um daraus (eigene) Therapien abzuleiten: Ich bin besonders! von Joan Matthews und James Williams.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 29. Oktober 2008 | | | | | | | |
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